Corona Prime bei Amazon

Veröffentlicht von

von Violetta Bock

Bei Amazon arbeiten auch in Corona-Zeiten weiter Tausende an den verschiedenen Standorten. Allein in Bad Hersfeld sollten 1.500 Beschäftigte ohne nennenswerte Hygienemaßnahmen Jeff Bezos noch reicher machen. Die Angst unter den Beschäftigten war greifbar. „Viele sind total verängstigt, wir arbeiten ja noch in großen Mengen zusammen. Das Management gibt so praktische Tipps wie: Hände waschen, Abstand halten und die Regeln einhalten,“ so ein Gewerkschaftsaktivist in Bad Hersfeld. Das meiste, was Amazon dort vertreibt – Klamotten und Alkohol – ist nicht systemrelevant. Ein Produktionsstopp wäre absolut machbar. „Von uns fordern viele, Amazon für die nächsten Wochen zu schließen und die Leute bezahlt freizustellen.“ Anfangs hatte Amazon lediglich die Essensausgabe in der Kantine abgestellt, treffen konnte man sich dort trotzdem. Außerdem erhalten alle, die arbeiten zwei Euro mehr die Stunde. Eine Anwesenheitsprämie, die bei den niedrigen Löhnen die Leute dazu bringen soll, trotz Virus-Gefahr zur Arbeit zu kommen. Amazon gnadenlos liefern. Nicht zuletzt sehen sie nun wohl die Chance, den Einzelhandel platt zu machen.

Aus verschiedenen Standorten meldeten sich Kolleginnen und Kollegen zu Wort und berichteten über ihre Sorgen. Eine gemeinsame internationale Erklärung der Amazon-Beschäftigten hat sich verbreitet. In Italien, Spanien, Frankreich und USA haben Beschäftigte gestreikt und sich geweigert, die Halle zu betreten, nachdem Beschäftigte positiv auf Corona getestet waren. Amazon beteuerte in der Presse, Standards einzuhalten. Ein aufwändiges Video wurde produziert. Tatsächlich gab es inzwischen manche Umstellung. Amazon scheint besorgt zu sein, dass sie ihre Läden schließen müssen. Plötzlich wird Seife nachgeordert. Oft wird betont, Amazon sei „versorgungsrelevant“. Der betriebliche Alltag sieht nun anders aus: Klebelinien beim Zugang im Abstand von zwei Metern, Treppenhäuser nur noch im Einbahnstraßenverkehr, jede Menge Schilder zum Abstandhalten und Hände waschen. Die Türen stehen offen, um den Kontakt mit der Klinke zu vermeiden. In einer Abteilung, in der man sich Mitte März noch gegenüber saß, ist jetzt jeder zweite Platz frei. Auch gegenüber sitzt niemand mehr. Start-Meetings zu Beginn der Schicht wurden abgesagt und sind durch Aushänge ersetzt. Stattdessen werden zu Beginn Desinfektionstücher verteilt. Die Pause wurde um fünf Minuten verlängert. Seit 6. April wird außerdem bei jedem Fieber gemessen. Wer über 37,5 Grad aufweist, wird für drei Tage bezahlt nach Hause geschickt, um sich bei seinem Arzt zu melden. Fieber wird jedoch selten gemessen. An einem Standort wird gemunkelt, dass die Temperaturanzeige sogar immer erstaunlich niedrig ist. Masken soll seit Anfang April ebenso jeder erhalten, der oder die will.

Passiert ist also jede Menge, um den Weiterbetrieb ja nicht zu gefährden. Ein bestehendes Thema bleibt die bezahlte Freistellung von Risikogruppen. Weiterhin gibt es Engstellen und Zeiten, die viele gleichzeitig betreffen. Amazon besteht darauf, dass bis zum Schichtende gearbeitet wird.

Und dennoch: 1000 bis 2000 pro Standort, die von bis zu 100 km Entfernung teils in Fahrgemeinschaften zur Arbeit pendeln. Ein gefährlicher Ort in pandemischen Zeiten. Da kann man zu Hause und am Spielplatz noch so viel Abstand halten. Richtig kontrollieren lässt sich ein unsichtbarer Virus nur schwer. Die Gefahr ist groß, dass auf den Schlachtfeldern des Marktes die Werktätigen geopfert werden. Weiterer Druck ist nötig, damit der gekündigte Streikführer Chris Smalls von Staten Island, New York, wiedereingestellt wird. Einige dieser Verbesserungen wurden nicht zuletzt durch internationalen Druck und internationale Aktionen erreicht.

In den USA gehen die Proteste bereits weiter. Für Ende April haben mehrere Beschäftigte kollektive Krankmeldungen angekündigt. In Frankreich wurden nach Klage einer Gewerkschaft Verteilzentren vorläufig geschlossen, um Nachbesserungen beim Schutz durchzusetzen.


Die Solidarität in den Zeiten der Pandemie

AMAZON. Der Konzern, an dessen Spitze der reichste Mensch der Welt, Jeff Bezos, steht, profitiert von der Krise. Die Beschäftigten in den Logistikzentren verpacken und versenden die Waren auf Hochtouren. In Winsen bei Hamburg betreibt der Konzern ein großes Logistikzentrum als Knotenpunkt für Nordeuropa. Hier haben sich bis zum 24. April 68 der 1.800 Beschäftigten an Corona angesteckt, wahrscheinlich während der Arbeit und in den vollen Werksbussen.

Probleme hat Amazon auch in Frankreich: Ein Gericht in Nanterre verfügte Mitte April aus Arbeitsschutzgründen die Schließung von sechs Logistikzentren im Land. Die Gewerkschaft SUD warf dem Konzern vor, die Beschäftigten nicht ausreichenden gegen eine Infektion zu schützen.

Bereits Ende März protestierten Beschäftigte im riesigen Amazon-Zentrum im New Yorker Bezirk Staten Island gegen die unakzeptablen und gefährlichen Arbeitsbedingungen. Der Konzern feuerte darauf umgehend einen aktiven Gewerkschafter.

Christian Zeller